Hübsche kleine Dörfer, gold-schimmernde Sandsteinküsten und das türkisblaue Meer des Atlantiks – wer an Portugal denkt, hat unweigerlich ein Bild der Algarve vor Augen. Wer jedoch tiefer in das Herz des Landes sehen, Kultur und Leute kennenlernen möchte, sollte sich auf eine Reise ins Landesinnere begeben. Denn die Bergdörfer und Landschaft der Region Centro de Portugal, genauer im Parque Natural da Serra da Estrela, zeigen das Land von einer sehr ursprünglichen und bescheidenen Seite, fernab jeglichen Massentourismus.

Im 19. Jahrhundert hauptsächlich für Kuraufenthalte von Tuberkulosepatienten genutzt, ist der Naturpark heute für den Tourismus gut erschlossen. Neben einem dichten Netz an Wanderwegen liegt hier, im mit knapp 2.000 Höhenmetern höchsten Gebirge des portugiesischen Festlandes, auch das einzige Skigebiet Portugals. Die Landschaft in der Serra da Estrela ist geprägt von Granit und Schiefer. Wasser gilt als die wichtigste Ressource des Gebirges und so ist das eng verzahnte Netz an Flüssen und Bächen vielerorts zu sehen. Mit dem 234 Kilometer langen Mondego entspringt zugleich einer der wichtigsten Flüsse Portugals im sogenannten Sternengebirge.

Die Legende um die Namensgebung des „Sternengebirges“ besagt, dass einst ein Schäfer den Aldebaran, den hellsten Stern, am Himmel sah. Um ihn zu ergreifen, erklomm er den höchsten Berg in der Region – und verlieh mit seiner Geschichte der Serra da Estrela ihren Namen.

Das viele Wasser ist es auch, welches selbst in den heißen Sommermonaten für das satte Grün der Landschaft sorgt. Doch nicht nur das, auch für die Hirten und die zahlreichen Schaf- und Ziegenherden ist das Wasser eine wichtige Ressource, weshalb sie ihr Vieh über den Sommer in die Berge bringen. Neben der Land- und Viehwirtschaft ist die Serra da Estrela geprägt von vielen kleinen Bergdörfern. Eingebettet in terrassenförmig angelegte Felder zur landwirtschaftlichen Bewirtung liegen sie verstreut in den sechs Gemeinden des Naturparks. So sehr sich die Dörfer auch ähneln, so sehr steht jedes für sich und hat sich seine eigene Ursprünglichkeit bewahrt.

Anlaufstelle für Touren und Ausflüge in die Serra da Estrela ist das CISE – Centro de Interpretação da Serra da Estrela in Seia. Die Forschungseinrichtung und Parkverwaltung beherbergt neben virtuellen Multimedia-Ausstellungen auch Informationen für Wanderer und Mountainbiker und bietet zudem regelmäßig geführte Touren in die Berge an. Im Zentrum angesiedelt ist zudem Aldeias de Montanha, ein Projekt, um die Kultur und Tradition der Bergdörfer auf nachhaltige und kreative Weise zu erhalten und zu fördern.

Eines der Projekte sind die Wanderrouten durch die Serra da Estrela. Vierzehn Touren führen in unterschiedlichen Längen, mal mehr, mal weniger anspruchsvoll durch die charakteristischen Gebirgslandschaften. So führt etwa die RP10 – Caniça Route auf einer von Wasser geprägten Rundwanderung vorbei an Wasserfällen, einem Flussstrand und entlang eines Levada, einem künstlichen Wasserlauf, bis zurück zum Ausgangspunkt in Lapa dos Dinheiras. Immer wieder lohnt sich eine kurze Pause entlang der knapp sieben Kilometer langen Wanderung – etwa um in einem Fluvial Beach Abkühlung zu finden oder den Blick über die Landschaft streifen zu lassen. Spuren des verherrenden Waldbrandes von vor zwei Jahren sind zu sehen, ebenso wie die daraufhin initiierte, natürliche Gegenmaßnahme – die „Ziegenfeuerwehr“. Ein Versuch, bei der Schäfer mit ihren Herden Schneisen über die Wiesen und Wälder ziehen, um eine erneute Katastrophe wie 2017 zu verhindern.

  

Die Arbeit der Aldeias de Montanha reicht jedoch weit über infrastrukturelle Maßnahmen für Wanderer und Mountainbiker hinaus. Das eigentliche, zugleich bedeutendere Ziel des Projektes, welches im Jahr 2013 initiiert wurde, ist es, das Erbe und die Traditionen der Bergdörfer und deren Einheimische zu bewahren und auf eine authentische Weise – ganz im Sinne eines nachhaltigen Tourismus – wiederzubeleben. Die gute Seele der Aldeias de Montanha ist Célia Gonçalves, die mit großer Leidenschaft das Projekt vorantreibt, neue Ideen entwickelt und mit ihrer Begeisterung die Einheimischen motiviert, Teil des Projektes zu sein und sich für den Tourismus zu öffnen.

Wie begeistert und stolz die Einheimischen das Projekt unterstützen, zeigt sich etwa bei einem Besuch des Bergdorfs Alvoco da Serra. Es sind die Bewohner der Dörfer, welche das Projekt erfolgreich zum Leben erwecken und Touristen einen Einblick in ihr bescheidenes, aber glückliches Leben geben. Denn es gibt hier keine Touristen-Guides, die mit einem Schirmchen voran die Urlauber durch die Gassen lotsen. Doch es gibt die Einheimischen, die die Geschichte der Dörfer und ihren Menschen erzählen. Eine davon ist Isaura. Mit ihren 85 Jahren und zehn Kindern blickt sie auf ein bewegtes Leben zurück. Und steht heute munter und fröhlich im gemeinschaftlichen Backhaus, um Einblick in die Kunst des Brotbackens zu geben. Die quirlige Portugiesin schwirrt durch den Raum, knetet Teig, formt Brotlaibe und schiebt sie bestimmt in den Holzofen. Eifrig ist sie mit ihrer Tochter am backen, während sie in energischem Ton jeden Handgriff dokumentiert. Isaura ist sichtlich stolz, dass sich Touristen für sie und ihr Dorf interessieren; eine Tatsache, die nicht zuletzt auf der wertvollen Arbeit von Célia beruht.

Es sind Begegnungen wie diese, welche Land und Leute der Serra da Estrela prägen. Begegnungen mit Isaura, oder auch Daniel, der im örtlichen Schwimmbad, gespeist aus dem Fluss des Gebirges, die Badeaufsicht hat. Jahrelang hat Daniel auf Kreuzfahrtschiffen gearbeitet, hat viel von der Welt gesehen. Und sich im Alter von 55 Jahren entschieden, in seine Heimat zurückzukehren. Dass er hier alles findet, um glücklich zu leben, sieht man ihm an. „Man muss sich mit etwas umgeben, das einen antreibt. Aber auch zur Ruhe bringt“, beschreibt Daniel seine Zufriedenheit. Und die findet er in den Bergen, in seinem kleinen Heimatort inmitten der Serra da Estrela.

ANREISE || Tägliche Direktflüge nach Lissabon oder Porto und anschließender Weiterfahrt in die Serra da Estrela in Centro de Portugal. Rund 2,5 bis 3,5 Stunden sind je nach Zielflughafen einzuplanen. Zentraler Ausgangspunkt ist etwa das kleine Städtchen Seia.

ÜBERNACHTUNG || Auf rund 1.200 Metern befindet sich mitten im Naturpark Serra da Estrela das Boutiquehotel Casa de São Lourenço. Mit 17 Zimmern und 4 Suiten, einem kleinen Wellnessbereich und einem Restaurant liegt das Haus in absoluter Ruhelage mitten in den Bergen. Einfacher und preiswerter nächtigt man im B&B O Vicente in Loriga oder im B&B Casas Da Ribeira in Póvoa Velha.

ESSEN & TRINKEN || In den Restaurants in der Serra da Estrela kommen üppige Portionen auf den Tisch. Gern servierte Gerichte sind etwa Stockfisch und Oktopus, aber auch Fleischgerichte. Nicht unprobiert bleiben darf der aus Schafmilch gewonnene Käse Queijo da Serra sowie Wein aus der Region Dão.

AKTIVITÄTEN || Kartenmaterial für die Wanderungen in der Serra da Estrela oder auch Informationen zu geführten Wanderungen bietet das Welcome Center CISE in Seia. Über die Aldeias de Montanha sind auf Anfrage verschiedene Aktivitäten in den Bergdörfern, wie etwa der Brotbackkurs in Alvoco da Serra, zu buchen. Abkühlung an heißen Sommertagen bieten die quer im Naturpark verstreuten, kostenlosen Flussstrände, Fluvial Beaches, wie beispielsweise entlang der Caniça Route oder in Loriga. Das Schwimmbad in Alvoco da Serra wird ebenfalls mit Wasser aus dem Gebirge gespeist.

LESETIPP || Ein Bericht über das Festa da Transumância sowie die Burel Mountain Hotels & Burel Factory finden sich unter dem jeweiligen Link zur Nachlese. Weiterführende Informationen zur Region sind unter centerofportugal.com zu finden.

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