Americos Gesicht ist gezeichnet vom Leben. Braungebrannt steht er da, seine dunklen, tiefgründigen Augen haben stets alles um ihn im Blick. Seit er acht Jahre alt ist, treibt Americo – anfangs gemeinsam mit seinem Vater, später alleine – Jahr für Jahr die Herden in die Berge. Er ist damit aufgewachsen. Kein Sommer ist seither vergangen, in dem er nicht mindestens 1,5 Monate in der Serra da Estrela verbracht hat. Weil es notwendig war, um zu überleben. Und, weil er es sich vermutlich gar nicht anders vorstellen könnte…

Es ist früh, als wir uns wenige Stunden zuvor auf den Weg nach Seia machen, um am traditionsreichen Festa da Transumância teilzunehmen. Kurz nach 6 Uhr klingelt der Wecker, eine halbe Stunde später sitzen wir im Auto. Die Morgensonne taucht die Berge hier oben auf 1.200m bereits in warmes Licht, während über dem Tal noch eine dichte Nebeldecke hängt.

Unten im Ort herrscht eine angespannte Vorfreude. Die Familien der Hirten, Einheimische und Besucher aus anderen Teilen Portugals sind früh an den Rathausplatz von Seia gekommen, um das Fest des Viehauftriebs zu begleiten. Es stellt den Höhepunkt zu Sommerbeginn dar, dann, wenn die Hirten mit ihren Herden in die Berge der Serra da Estrela aufsteigen, um bessere Weiden zu finden. Eine uralte Tradition, welches als eines von vielen Projekten der Aldeias de Montanha seit 2013 als neuzeitliches Fest neu belebt wird. Ziel ist es, die Tradition der Transhumanz aufrechtzuerhalten, Einheimische zusammenzubringen und Touristen Einblick in das Leben in den Bergen zu geben. Waren es anfangs gerade mal fünf Hirten mit ihren Herden, nehmen 2019 deutlich mehr am Fest teil und treiben mehr als tausend Schafe und Ziegen in die Berge.

Kurz nach acht Uhr wird es unruhig in den Straßen von Seia. Der erste Hirte zieht mit seiner Herde auf den Rathausplatz ein. Einige Tiere sind bunt geschmückt mit Wollbommeln und Schleifen, alle sind mit Glocken behängt. Frohes Glockengeläut ist auch jenes Geräusch, welches den Tag dominieren soll. Nach und nach ziehen immer mehr Hirten mit ihren Herden vorbei, stets begleitet von den Cão de Serra de Estrela, den charakteristischen Hirtenhunden der Region. Als die letzte Herde den Rathausplatz erreicht, setzt sich alles in Bewegung. Die ersten Hirten sind bereits auf dem Weg, um ihr Vieh in die Berge zu treiben, Einheimische und Familien mischen sich nun unter die Herden und begleiten den Auftrieb.

Nach rund eineinhalb Stunden ist der erste Zwischenstopp erreicht. In Póvoa Velha haben die Menschen bereits ein Frühstück vorbereitet – es gibt süßes Gebäck, Käse und Wurst, begleitet von Wein. Das kleine Dorf wird zum Leben erweckt, jede noch so kleine Gasse ist mit Menschen gefüllt.

Während sich die Schäfer für den weiteren Aufstieg stärken, kommen wir mit Ana ins Gespräch. Es ist eine eindrucksvolle Geschichte, die sie uns über das kleine Bergdorf erzählt. Dem völligen Zerfall ausgesetzt, waren es Ana und ihr Mann, die sich vor einigen Jahren zum Wiederaufbau des Ortes entschieden haben und die hunderte jahrealten Steinhäuser in mühevoller Kleinarbeit restauriert haben. Heute stehen viele davon für Urlauber zur Miete, ein Bild aus damaligen Zeiten zeugt von der imposanten Arbeit von Ana und ihrer Familie.

Erneut kommt Bewegung in die Hirten und ihre Herden, der Auftrieb geht weiter. Wir lassen Póvoa Velha hinter uns und schreiten in gemütlichem Tempo den Weg weiter. Nach rund dreißig bis vierzig Minuten erreichen wir die Einsiedelei der Senhora do Espinheiro. Eine kleine Kapelle thront auf einem Hügel, das Panorama reicht weit bis über die Täler am Fuße der Serra da Estrela hinaus. Während die Schäfer noch ihre Herden auf der angrenzenden Wiese zusammentrommeln, begleitet eine Band auf dem Dudelsack das Fest. Es ist Mittagszeit in der Serra da Estrela und die Hirten legen die obligatorische Sesta ein. Man hat gekocht, für die Hirten und ihre Familien. Fest bedienen sie sich am reichhaltigen Buffet, tauschen sich über den Tisch hinweg aus und verbringen die Mittagshitze im Schatten. Nach einer Stärkung und einem Espresso im örtlichen Café verabschieden wir uns langsam von den Schäfern, welche schon bald weiterziehen. Ihr Ziel ist das auf 1.080 Metern gelegene Dorf Sabugueiro. Ein Ort, in dem die Wanderhirten und Bauern zur Ruhe kommen und ihre Herden den hochgelegenen Feldern überlassen. Und während wir abends müde und zufrieden ins gemütliche Hotelbett fallen, verbringen die Hirten die kommenden Nächte im Freien, lediglich von einem einfachen Regendach vor Wind und Wetter beschützt. Auch Americo wird einen weiteren Sommer im Gebirge verbringen. Seinen mittlerweile fünfundvierzigsten.

FESTA DA TRANSUMANCIA || Rechtzeitig zu Beginn des Sommers, Anfang Juli, findet das Festa da Transumância in der Serra da Estrela statt. Touristen können dem Fest ebenfalls beiwohnen. € 20,- bezahlen Erwachsene bzw. € 7,50 Kinder für den Hin- und Rücktransfer, die Wanderung, das Frühstück in Póvoa Velha und das Mittagessen in Senhora do Espinheiro.

ALDEIAS DE MONTANHA || Das Festa da Transumância ist nur eines von vielen Festen, welches das Projekt Aldeias de Montanha seit 2013 neu belebt. Etwa zwei Wochen zuvor findet bereits beim Bênção dos Rebanhos die Segnung der Herden statt. Und rechtzeitig zur Sonnwende öffnen beim Festa da Solsticio die Einheimischen der Bergdörfer ihre Türen, um Gästen Einblick in regionale Produkte und lokales Handwerk zu geben.

LESETIPP || Weitere Informationen und Empfehlungen für eine Reise in die portugiesische Serra da Estrela und einen Aufenthalt in den Burel Mountain Hotels sind unter den jeweiligen Links zu finden.

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