Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was der Auslöser dafür war, mich immer und immer wieder mit demselben Gedanken zu befassen: der Art und Weise, wie wir heutzutage reisen und der Frage, ob früher alles besser anders war. Doch immer wieder spukten bereits während meiner Kanada-Rundreise die gleichen Gedankenfetzen durch meinen Kopf und seit ich wieder zurück in heimischen Gefilden bin, poppen in meiner Timeline immer wieder Artikel auf, welche mich zum Nachdenken anregen. Unter ihnen jener von Annabel Dillig, die im SZ Magazin erläutert, warum sie angesichts der Touristenmassen, die sich mittlerweile auch schon off the beaten track nicht leugnen lassen, kein Tourist mehr sein möchte. Und auch wenn sich Lenny Kravitz in seinem jüngsten Interview mit der FAZ nicht aufs Reisen bezog, als er sich darüber echauffierte, dass bei seinen Konzerten nur noch Smartphones in der Masse zu sehen sind, trifft es dennoch den Kern der Sache ganz gut.

Hallstatt, der Pragser Wildsee, Island, die Färöer Inseln – all diese Orte erleb(t)en in den letzten Jahren einen regelrechten Tourismus-Boom. Mitunter ausgelöst durch die Tatsache, dass in sämtlichen Kanälen – zugegeben – atemberaubende Bilder zu finden sind. Der kleine Kurort Bad Gastein erlebte einen regelrechten Hype, als die Werbemaschinerie hiesiger Hoteliers zu fruchten begann und immer mehr Influencer, Blogger und Journalisten den Weg ins Gasteinertal fanden. Mich selbst nicht ausgenommen. Doch lassen wir uns nicht zu sehr leiten, ja sogar verführen, von alledem?

Wir wollen nicht mit der Masse mitschwimmen, doch reisen wir dorthin, wo offensichtlich die ganze Welt anzutreffen ist. Wir wollen individuell und authentisch reisen und überfüllen aktuell beliebte Plätze so sehr, dass sich Touristiker und Politiker überlegen (müssen), wie sie den Besucheransturm überhaupt bewältigen können. Wir wollen auch dorthin reisen und allen zeigen, selbst an den angesagtesten Orten dieser Welt gewesen zu sein. Und vergessen bei all dem Drang, uns der Öffentlichkeit mitzuteilen, das Hier und Jetzt zu genießen und die Besonderheit des Ortes einfach in uns aufzusaugen.

Wir reisen an Orte, an denen wir noch nie zuvor gewesen sind
und wissen dennoch genau, wie sie aussehen werden.

Die Frage nach dem WIE des Reisens stellte ich mir in Kanada nicht nur einmal. Denn auch ich selbst bin Teil dieser Entwicklung und mache sie zu einem gewissen Grad mit. Ich war noch nie zuvor in Kanada, noch nie im Banff National Park, noch nie auf Vancouver Island und noch nie am Moraine Lake. Und doch wusste ich auf den letzten Kilometern vor Erreichen des Ziels, wie es dort aussehen wird. Weil ich zuvor Blogs gelesen hatte und auf Instagram und Pinterest gesurft bin. Wir planen nicht mehr wie früher anhand eines einzigen Reiseführers, bei dem auf fünf Seiten Text vielleicht zwei oder drei Bilder kommen. Wir erlauben unserer Fantasie nicht mehr die Freiheit, sich einen Ort gedanklich auszumalen. Nein, wir geben unserem Kopf bereits vor, wie ein Ort aussehen wird und überprüfen gerade mal noch, ob die vorab gewonnenen Eindrücke mit der Wirklichkeit übereinstimmen.

So sehr ich die Vorzüge des Internets liebe und schätze und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch für künftige Reisen wieder Blogs von geschätzten Bloggerkollegen lesen und mich durch die Orts-Tags auf Instagram klicken werde, frage ich mich dennoch, ob es ein Zurück gibt. Ein Zurück dorthin, sich von einer Reise wirklich überraschen zu lassen. Ohne vorgeformte Bilder und hohen Erwartungen im Kopf. Denn auch wenn in Kanada jene Orte, bei denen aufgrund der vorab gesehenen Bilder die Vorfreude bereits groß war, mich nicht enttäuschten, waren die positiv(st)e Überraschung vor allem jene Orte, an die ich nicht zuvor schon große Erwartungen stellte. Und auch die Reise durch Montenegro vergangenen Spätsommer ist der beste Beweis dafür, dass eine Reise beinahe nur Positives mit sich bringen kann, wenn man nicht zuvor bereits auf allen Kanälen mit Eindrücken der Destination überhäuft wurde.

Bleibt die große Frage, wie ich künftig für mich selbst einen Ausweg aus diesem „Dilemma“ finde. Denn auch wenn ich mich wieder gerne mehr auf das Reisen an sich einlassen möchte, ohne schon vorab das Gefühl zu haben alles von Bildern in- und auswendig zu kennen, tue ich gerade das dennoch immer noch unglaublich gerne – mich inspirieren lassen. Einen Vorsatz werde ich aber mit gutem Gewissen in die Tat umsetzen: künftig einmal weniger zur Kamera zu greifen und dafür den Moment umso bewusster zu genießen.

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07/07/2018
Liebe Mela, das ist wirklich schön und treffend geschrieben. Ich fotografiere schon ewig viel auf Reisen, früher analog, dann digital - und dann kam Instagram, was auch zum Angucken toll war. Ich schaue heute immer noch gerne Reisebilder an, aber mittlerweile bin ich ähnlich hin und her gerissen. Ohne Blogs und vor allem Instagram würde ich manche Orte als Reiseziel gar nicht auf dem Schirm haben - und wenn ich reise, kommt mir vieles bekannt vor, weil ich es vorher schon aus zig verschiedenen Perspektiven online gesehen habe. Dieser Überraschungsmoment fehlt mir auch sehr, sich einfach selbst auf Entdeckungsreise zu begeben, so wie früher halt. Was das geniessen auf Reisen angeht, habe ich mir ähnliche Fragen gestellt und nehme dafür manchmal eine analoge Kamera mit - da überlegt man bei jedem Bild und ist mehr im Geschehen, das ändert für mich auch einiges. Viele Grüße Tatiana
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    09/07/2018
    Schön gesagt, Tatiana. Der fehlende Überraschungsmoment beschreibt es als Formulierung ganz gut.
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