[Update | 29. Mai 2016] 2.538 Tage. Oder in anderen Worten: 6 Jahre, 11 Monate und 11 Tage nach Tag X ist es an der Zeit, diesen Beitrag noch ein Mal aus dem Archiv hervorzukramen und meinen Unfall ein für allemal abzuschließen. Um es in den Worten meines Anwalts auszudrücken: „Damit ist diese Angelegenheit zur Gänze abgeschlossen.“ Ich habe durchgehalten. Ich habe nicht aufgegeben. Und ich habe Recht bekommen. Recht, dass dieser Unfall alles andere als eine kleine Schramme für Körper und Seele bedeutete. Recht, dass es sich zu kämpfen lohnt. Ich habe gekämpft. Einmal mehr ist es mein Rat an all jene, die in einer ähnlichen Situation stecken…


 

Eigentlich waren meine Gedanken gerade einige hundert Kilometer weiter am Genfersee, wo ich die letzten Tage verbrachte. Ich wollte eben mit dem Festhalten meiner Eindrücke und Aussortieren der Bilder beginnen, als eine Mitteilung von Twitter auf meinem Screen aufpoppte. „Kommt dir da etwas bekannt vor?“ Neugierig wie ich nun mal eben bin, klickte ich natürlich sofort auf den Link und landete bei der Überschrift „Der schäbige Umgang von Versicherungen und Richtern mit Unfallopfern“. Innerhalb weniger Minuten saugte ich den Artikel in mir auf, der die Veröffentlichung des Buches „Schwarzbuch Versicherungen. Wenn Unrecht zu Recht wird.“ des Journalisten Franz Fluch thematisierte. Und nun komme ich nicht umhin, alle anderen Gedanken beiseite zu schieben, um diese Zeilen hier zu tippen und zu sagen: Ja verdammt nochmal, genau so ist es!

„Versicherungen spielen auf Zeit, denn die wenigsten Opfer können es sich leisten, jahrelang zu prozessieren.“ – Autor Franz Fluch*

Es ist nun beinahe auf den Tag genau 6 (in Worten sechs!) Jahre her, dass ich am Rad sitzend von einem Autofahrer abgeschossen wurde. Einen Schock, starke Prellungen, mehrfache Thrombosen, eine zweifache (leichte) Lungenembolie, eine langwierige Regenerationsphase und unzählig viele Anwalts- und Gutachtertermine später kann ich sagen, dass diese Aussage leider sowas von wahr ist, dass sich beim bloßen Nachdenken darüber ein ziemlicher Grant (österreichisch für Unmut, Anm. d. Red.) in mir ausbreitet. Vermutlich treffen diese Zeilen gerade jetzt wieder einen wunden Punkt, wo ich keine drei Wochen zuvor erneut bei einem Gutachter gesessen bin, um zum wiederholten Male den Unfall und die Zeit danach durchzukauen.

Ich kann es gar nicht mehr sagen, bei wie vielen Gutachtern ich eigentlich schon saß. Immer und immer wieder erzählen musste, wie es sich anfühlte, von einem Auto niedergefahren zu werden. Wie es für mich war, als ich aufgrund der Lungenembolie das Gefühl hatte zu ersticken. Und wie ich die Zeit danach damit umgehen konnte. Oder eben auch nicht. Ich wurde durchgereicht. Vom Anwalt zum Arzt, zum Gutachter, zum Gericht. Immer und immer wieder die gleichen Fragen. Jahr für Jahr. Umso länger das Prozedere dauert, umso weniger detailgetreu kann ich den Unfall und die Behandlungen danach wiedergeben. Und doch hab ich alles immer noch erschreckend genau vor Augen.

Nicht nur einmal hatte ich überlegt, das alles einfach sein zu lassen und meinen Anwalt zu bitten, die Sache stillzulegen. Aufzugeben. Ich hatte innerhalb einiger Monate eine kleine Summe „Schmerzensgeld“ bekommen. Die Versicherung hoffte wohl, dass damit alles gut sein würde. Bis heute habe ich nicht mal den vollen Verdienstentgang von damals erstattet bekommen. Pech für denjenigen, der so wie ich in einem freien Dienstverhältnis ist war. Um die Höhe des Schmerzensgeldes geht es mir jedoch schon lange nicht mehr. Es ist mir egal, ob ich ein-, drei-, fünf- oder zehntausend Euro Schmerzensgeld bekomme. Alles was ich will, ist fair behandelt zu werden. Und das Zugeständnis, dass ich ohne den Unfall nicht von anhaltenden Rückenproblemen geplagt wäre, regelmäßig Thrombosespritzen in mein Bein jagen müsste und hie und da panisch in mich hinein höre, ob ich normal Luft bekomme. Und genau aus diesem Grund gebe ich nicht auf.

Rosina Toths Rat an andere Unfallopfer hingegen besteht aus einem einzigen Wort: „Kämpfen!“*

Aufgeben. Genau das ist es, was die Versicherung erreichen möchte. Alles so lange hinauszögern, bis dem dummen, jungen Mädchen von damals alles zu blöd wird und sie sich den Sieg auf die Fahnen heften können. Für sich und den Autofahrer, der alle Schuld leugnete, obwohl sie umgehend bewiesen wurde. Doch genau diese Einstellung weckt das trotzige Kind in mir, das es der Versicherung beweisen will. Dass es ihnen nichts nützt, alles noch länger rauszuzögern. Ich werde kämpfen. Und werde beweisen, dass ich den längeren Atem habe. Egal, ob es noch ein oder fünf Jahre dauert.

Randnotiz: Mir ist natürlich bewusst, dass es stark vom eigenen sozialen Umfeld abhängig ist, ob man es sich finanziell aber auch mental leisten kann, den Kampf mit der Versicherung und den Gutachtern auszusitzen. Doch sofern es nur irgendwie möglich ist: Kämpft! Es steht euch verdammt nochmal zu, euer Recht zu erkämpfen. Wehrt euch gegen die Versicherung, deren Taktik genau jene ist, euch über lange Zeit müde zu machen, so dass ihr früher oder später entmutigt resigniert.


* Quelle: profil.at, 09.05.2015
Featured Image: © Kupono Kuwamura

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